Über die Selektion der Welten



,,Die Einbildungskraft ist ein schönes Vermögen, nur mag ich nicht gern, wenn sie das, was wirklich geschehen ist, verarbeiten will. Die luftigen Gestalten, die sie erschafft, sind uns als Wesen einer eigenen Gattung sehr willkommen; verbunden mit der Wahrheit bringt sie meist nur Ungeheuer hervor und scheint mir alsdann gewöhnlich mit dem Verstand und der Vernunft im Widerspruche zu stehen.“ Dieses Zitat stammt vom berühmten Dichter und Genie Johann Wolfgang von Goethe. Man kann es auf vielfältige Arten auslegen, und kommt abhängig von den unterschiedlichen Formen eben jener Auslegungen zu unterschiedlichen Interpretationen. Gemeint hat er damit vermutlich etwas, was ich in dieser Einleitung in keinster Art und Weise mit meinen eigenen Worten wiedergeben kann, denn bereits dann wäre es verfälscht. Eng verknüpft damit, ist meiner Auffassung nach aber eine schlichte Aussage: Manchmal ist es wichtig, seiner Fantasie Freiraum zu geben. Die Fantasie war für den Menschen seit dem Anbeginn seiner Existenz auf der Erde von unerlässlicher Wichtigkeit. Sie bereichert uns, ernährt Visionen und Wünsche, sie füllt uns aus und ist der Anfang jedes einzelnen Gedankenganges, dessen Vollendung das äußerliche Erscheinungssymptom des Menschen charakteristisch prägt. Die Fantasie tut vor allem noch etwas sehr wichtiges: Sie erschafft virtuelle Welten. Gleichzeitig ist unverkennbar, dass der Mensch während er in der Lage ist virtuelle Realitäten zu erschaffen in einer Realität physisch existent ist. Dabei ist oft die Rede von ,,der Wirklichkeit“.

Die philosophischen Orientierungspunkte des naiven Realismus und des radikalen Konstruktivismus, erhalten unter der oben aufgeführten Fragestellung, wie der Mensch verschiedene „Pseudorealitäten“ untereinander kombiniert, gewichtet und strukturiert eine vollkommen neue Bedeutung. Die entscheidende Frage zielt letztlich auf folgendes ab: Wie selektiert der Mensch die Realität, in der er sich physisch befindet von denjenigen die er neuronal strukturiert und hinzufantasiert? Welche Folgen ergeben sich daraus für naturwissenschaftliche Untersuchungen und Studien?


Bevor wir mit der eigentlichen Argumentation starten, müssen wir eine Grundbasis diskutieren auf deren Fundament wir dann in zunehmend detaillierteren Auswahlschritten, Argumente miteinander verkoppeln. Wir bedienen uns dazu dem radikalen Konstruktivismus, einer philosophischen Theorie, die Aussagen darüber trifft, wie der Mensch die Welt wahrnimmt und wahrnehmen kann. Die Frage nach ,,der Realität“ ist dabei der primäre Orientierungspunkt, auf den die Argumentation letztendlich zielen soll. Grundsätzlich ist im rein biologischen Sinne festzustellen, dass die Natur dem Menschen Dinge zukommen ließ, die es lange Zeit nicht in der Evolution gab. Der Mensch ist das erste Wesen der Evolution, dass über einen kritischen Geist / Moral und Vernunft verfügt. Ihm eröffnet sich anlässlich der vollkommen neuen Eigenschaften auch ein ungeahntes Potenzial, dass sich unterschiedlich in der Natur seines Handelns widerspiegelt. Der Mensch verfügt über 2 Augen, 2 Ohren, einen Mund und eine Nase. Mithilfe dieser biologischen Identifizierungsanlagen ist es dem Menschen über die Aktivierung seiner 5 Sinne schon einmal möglich, Dinge aus der physischen Realität aufzunehmen. Allerdings ist es strenggenommen nicht die Nase, die riecht oder die Ohren die Hören. Im Endeffekt ist es immer das Gehirn, dass den letzten Impuls umwandelt und dabei treibt es Dinge, die dazu führen, dass die von der Außenwelt objektiv und neutral eingeführten Reize in ein subjektives Erleben umgeformt werden. Aus der einseitigen Realität wird im Gehirn eine eigenständige Realität erschaffen, die bereits eine unbewusste Quanti- und Qualifizierung aller eingetroffenen Sinneswahrnehmungen beinhaltet. Auf diese Art, konstruiert der Mensch aus einer einheitlichen Wirklichkeit, eine subjektive die sich nur infolge der Existenz des Fundaments der einheitlichen Realität vollständig ausbilden konnte. Das ist die Grundaussage des radikalen Konstruktivismus.

Und jetzt spannen wir den Bogen. Die Grundbasis für alle weiteren Überlegungen ist: Wir gehen davon aus, dass eine einheitliche Realität die im strenggenommenen Sinne allen Objekten dieselbe Information in der selben Quanti- und Qualität vermittelt, von jedem eigenständigen Individuum unterschiedlich verformt und deformiert wird.

Zunächst befassen wir uns damit, welche Ursache dieser Deformation zugrunde liegt. Wichtig zu wissen ist dabei, dass der Mensch wissenschaftlich nachgewiesen ein emotionales Wesen ist, dass Erinnerungen, Gefühle und eigene Wünsche bereits immer schon in vorhandene Sinnesinformationen integriert. Die Fähigkeit des Erinnerns, des gedanklichen Zurückgreifens auf Vergangenes, verbietet uns allen eine einheitliche Wahrnehmung von Realität. Und trotzdem scheint es so, als würde eben diese Feststellung aus jeder alltäglichen Erfahrung die wir haben unbeachtet bleiben. Dass dieselbe Information im Beispiel eines Ehepaares bei nur entsprechend schlechten Erinnerungen an die Vergangenheit unterschiedliche Meinungen und Gefühle in beiden auslöst ist sinnbildlich. Alle kriegen anfänglich dasselbe Muster von außen, erhalten als Resultat aber ein völlig verschiedenes. Erst das macht den Menschen individuell und erst das, lässt jeder Fantasie von jedem der 7 000 000 000 Menschen auf der Welt eine Relevanz und persönliche Bedeutung verleihen.

Die Wissenschaft und damit auch astronomische Forschungen sind nun ein zusammengeführtes, großangelegtes Informationssystem, dass dabei von jedem Menschen unterschiedlich gewertet wird. Vom jeweiligen aktuellen wissenschaftlichen Standpunkt aus, sind theoretisch unendliche Überlegungen bezüglich der dahinter steckenden Idee eines potenziellen Schöpfers möglich. Und jede eigene Idee, die aus diesen wissenschaftlichen Grundaussagen entsteht, besitzt aufgrund ihrer Individualität einen unverzichtbaren persönlichen Wert, und kann aufgrund der metaphysischen Erkenntnisstufe auch wissenschaftlich nicht mehr widerlegt werden! Das führt zum Paradoxon der „unendlich nicht-falschen Realitäten“ und damit zu einem Widerspruch von der Realität in sich, die ja impliziert, dass sie die einzige wirklich existierende ist. In „Wirklichkeit“ eröffnen sich zumindest theoretisch unendlich viele Resultate für einen festgelegten und klar strukturierten Anfangszustand. Und das ist der Fortschritt. Jeden ergründeten objektiven Anfangszustand, subjektiv zu verformen und anzupassen auf Grundlage der Tatsache, dass wir uns in eine Unendlichkeit begeben und jede nur beliebige Richtung gehen können.

Im streng wissenschaftlichen Sinne ist man sich heute faktisch darüber einig, dass das Universum als Ganzes in 3 Einzelkomponenten unterteilt werden darf, deren Interaktion beobachtbare Prozesse implizieren. Im Mikrokosmos (auch Quantenmechanik) spielen sich die Dinge auf unfassbar kleinen Längenskalen ab. Bis heute erscheint uns die Quantenmechanik als ein solches Mysterium, dass noch immer viele ungeklärte Fragen offen sind. Im Mesokosmos existiert schließlich der Mensch und alles was in etwa einem Mittelmaß zwischen Groß und Klein gehört. Das Große, ist schließlich Teil des Makrokosmos. Der Makrokosmos ist die Teilkomponente die die Bewegung von Galaxienhaufen erklärt, die die Expansion des Universums erklärt. Alle drei verschiedenen Komponenten sind auf physikalisch nicht mehr erfassbare Art und Weise miteinander verknüpft. Dinge aus dem Mikrokosmos nehmen zb. Einfluss auf Dinge im Mesokosmos. Gleichzeitig können Dinge im Mesokosmos großräumige strukturelle Änderungen im Makrokosmos bewirken. Umgekehrt funktioniert das natürlich auch. Dinge aus dem Makrokosmos beeinflussen irgendwann Dinge im Mikrokosmos. Es ist vermutlich eine der wichtigsten Erkenntnisse aus der Physik überhaupt, dass alle drei Komponenten der Welt in kausaler Komplementarität und Abhängigkeit zueinander stehen. Im Zusammenhang mit der Diskussion um eine Weltformel ist diese Überlegung übrigens auch sehr interessant. Damit nämlich der Mensch alle drei von ihm erfundenen aber irgendwo auch wieder realistischen Komponenten miteinander verknüpft und erfasst, ist eine direkte gedankliche Verbindung aller Komponenten untereinander erforderlich. Es geht um den Übergang von zb. Dem Mikrokosmos in den Mesokosmos. Was befindet sich in diesem Übergang? Das die Konsistenz und Natur des gedanklich produzierten Übergangs für das Verständnis der Welt als Ganzes wichtig ist, verdeutlicht ein simples Beispiel aus dem Alltag. Stell dir vor, du stehst vor einer Tür und weisst nicht was hinter ihr ist. Aus Gründen der Neugier öffnest du sie aber und erblickst 10 Meter von dir entfernt eine weitere Tür. Zwischen Tür 1 und Tür 2 steht nun eine Verbindung die du begehen musst (es sei denn du bist Superman oder so) um einen kausalen Zusammenhang zwischen beiden herstellen zu können. Allerdings kann es sein, dass zwischen Tür 1 und Tür 2, ein Graben ist. Du würdest wenn du weitergehst verständlicherweise hinunterfallen. Vielleicht erblickst du aber auch einen Boden aus Stein, über den du logischerweise gehen kannst um von Tür 1 zu Tür 2 zu kommen. Ähnlich ist es nun beim gedanklichen Übertreten vom Mikrokosmos in den Makrokosmos. Was verbindet diese zwei Teile?

Ich bin der Auffassung, dass die anfänglich eingeführte Unendlichkeit zwischen beiden besteht, und damit eine physikalisch erklärbare und gedanklich ergründbare Verknüpfung aller Teile des Universums schlichtweg unmöglich ist. Alleine aus dem objektiven Anfangszustand des Mikrokosmos, gibt es aus Gründen der „freien Gedanken“ unendlich viele Arten subjektiv aus ihm hinauszudenken. Damit würde jeder Mensch einen für ihn anderen Mesokosmos erreichen und schon ist die Verobjektivierung weltlichen Geschehens dahin. Bei der Transformation vom Mesokosmos in den Makrokosmos gibt es dasselbe Problem. Selbst wenn wir fälschlicherweise anfangen aus der Mittelstufe herauszudenken, und das was unter uns ist außer Acht lassen, führt ein objektiver Ausgangszustand im Mesokosmos im Zweifel zu völlig unterschiedlichen Resultaten und Ansichten des Makrokosmos. Die Natur scheint also eine Verbindung aller drei Komponente eingerichtet zu haben, die für den Menschen gegenwärtig schlichtweg unergründbar ist, weil sie für ihn unendlich ist. Wie es alle drei Teilkomponenten trotz ihres für uns unendlich ausgedehnten Überganges untereinander schaffen, zu interagieren und damit die eine Realität konstruieren, von der wir ausgehen, dass sie wirklich ist, ist zu erklären, wenn wir davon ausgehen, dass wir Menschen eben rein objektiv aufgrund unserer Fantasie und der unendlichen Möglichkeiten aus einem objektiven Zustand weiterzudenken nicht dazu in der Lage sind objektiv das kleine und Große miteinander zu verkoppeln. Aus einer Objektivität wird also immer Subjektivität und das macht vielen wissenschaftlichen Studien und Untersuchungen oft eine gehörigen Strich durch die Rechnung. Letztlich ist es diese Form von Unendlichkeit, die zur Entwicklung der Metaphysik geführt haben muss. Nach einem zugegebenermaßen ziemlich langen und komplizierten, subjektiven Text eine kurze Zusammenfassung meiner These:

Das Universum setzt sich als Ganzes aus mehreren Teilkomponenten zusammen, die sich Mikro-, Meso-, und Makrokosmos nennen. Alle in der Natur beobachtbaren Prozesse ergeben sich infolge der Interaktion dieser Komponenten und sind bezüglich ihrer eigenen Natur zunächst objektiv ausgestattet. Durch die Beobachtungen des Menschen und seiner ihm zur Verfügung stehenden Fantasie, ergeben sich für diesen jeweiligen beobachtbaren Prozess als Ausgangszustand aber unendlich viele Möglichkeiten über ihn hinauszudenken. Auf der nächst höheren Stufe der Beobachtung, kommt jeder Mensch daher zu unterschiedlichen Auffassungen, die nun subjektiv so verformt werden, dass sie nicht mehr im kausalen Zusammenhang mit der vorigen Stufe aus der die Beobachtung stammt gesehen werden kann. Auf diese Art und Weise erscheinen dem Menschen subjektiv die jeweiligen Verbindungsglieder aller Komponenten die das Ganze fügen als unendlich voneinander entfernt (wegen der Nicht-Kausalität).

Wir finden unseren Abschluss erneut mit Goethe. Über die Fantasie sagte er nämlich noch etwas anderes als nur oben aufgeführt: ,,Es ist nichts fürchterlicher als Einbildungskraft ohne Geschmack.“