Bericht über die 31. Tage der Raumfahrt im November 2015 in Neubrandenburg

 

von Oli S.

 

Ich möchte hier über meinen Besuch bei den 31. Tagen der Raumfahrt vom 13. – 15. November 2015 in Neubrandenburg in Mecklenburg-Vorpommern berichten. Es war mein erster Besuch auf dieser Veranstaltung. Angekommen bin ich am Freitagmittag. Die Teilnehmer der eigentlichen Tage der Raumfahrt waren an diesem Tag auf einer Exkursion in Peenemünde. Besichtigt werden kann dort der Platz, wo im Jahr 1942 die Rakete mit dem Namen „Aggregat 4“ als erstes von Menschen gemachtes Objekt die Grenze zum Weltraum überschritten hat. Zu diesem Thema gibt es dort auch ein Museum (siehe zu der Rakete auch https://de.wikipedia.org/wiki/Aggregat_4). Auch wenn die Entwicklung der Rakete zu dieser Zeit leider militärische Gründe hatte, so kann man diesen Raketenstart doch auch als Geburtsstunde der zivilen Raumfahrt sehen, weil auch diese ohne Raketentechnik nicht auskommt.

 

Wie schon gesagt, war ich bei dieser Exkursion aber nicht dabei, denn sie hatte schon freitags morgens begonnen und ich bin erst gegen Mittag angekommen. In Neubrandenburg war freitags nachmittags eine Veranstaltung des Forum Space 3000. Dort gab es Vorträge unter anderem zu Exoplaneten und zu den Hessdalen-Lichtern. Letzteren Vortrag fand ich besonders interessant, weil ich von dieser Leuchterscheinung bislang noch gar nichts gehört hatte. Ein Astrofotograf berichtete ausführlich und unter Erläuterung zahlreicher Fotos zu diesem Himmelsleuchten in Norwegen, für das es bis heute noch keine allgemein anerkannte Erklärung gibt (siehe auch https://de.wikipedia.org/wiki/Hessdalen-Lichter).

 

Nach einem gemeinsamen Abendessen am Freitag und einer Übernachtung begann dann am Samstag im Albert-Einstein-Gymnasium in Neubrandenburg die eigentliche Wochenendveranstaltung der Tage der Raumfahrt. Schüler des Gymnasiums begrüßten uns um 10 Uhr morgens mit einer kurzen Chorvorführung, waren dann am weiteren Ablauf aber nicht mehr beteiligt. Die Vorträge waren sehr interessant. Vormittags referierten Mark S. Geyer vom Johnson Space Center der NASA in Houston und anschließend Laurence Price von der Firma Lockheed Martin über das geplante Raumfahrtprogramm der NASA und die Entwicklung des Raumfahrzeuges Orion. Dieses Raumfahrzeug soll es der NASA erstmals nach dem Apollo-Projekt wieder ermöglichen, Menschen weiter in den Weltraum als nur in eine niedrige Erdumlaufbahn bringen zu können. Es war sehr interessant, hier einmal Informationen aus erster Hand zu erhalten. Herr Geyer von der NASA betonte die Wichtigkeit des Ziels, zum Mars zu fliegen und er erläuterte, dass bereits heute Experimente, die auf der ISS durchgeführt werden, auch der Vorbereitung eines Marsfluges dienen; so verhält es sich so, dass jetzt erstmals ein Astronaut ein ganzes Jahr auf der ISS bleibt, um die Auswirkungen eines längeren Aufenthalts in der Schwerelosigkeit auf die Gesundheit des Menschen zu untersuchen. Herr Price stellte die technische Entwicklung von Orion vor und konnte hierbei auch schon einige Fotos zeigen, weil Teile des Raumfahrzeuges bereits im Bau sind. Beabsichtigt ist im Jahr 2018 ein erster unbemannter Testflug mit eingeschaltetem Lebenserhaltungssystem in eine Mondumlaufbahn und sodann eine Rückkehr zur Erde. Ein Teilnehmer stellte bei der anschließenden Möglichkeit, Fragen zu stellen, die interessante Frage, welche Überlegungen man denn hinsichtlich des Schutzes der Astronauten vor der kosmischen Strahlung bei einem Flug zum Mars anstellen würde. Als Antwort kam, dass man noch keine endgültigen Lösungen hat, aber zum Beispiel daran denkt, die Wassertanks, die auch als Vorratsspeicher für die Versorgung der Astronauten dienen, kreisförmig um das Raumfahrzeug herum anzuordnen, weil Wasser ja auch in der Lage ist, kosmische Strahlung teilweise abzuschirmen. Ich selbst kam hier leider nicht dazu, eine Frage zu stellen, konnte dies aber in der Mittagspause nachholen, da die beiden Referenten auch da noch anwesend waren. Es ist sicher für jeden auch einmal eine interessante Erfahrung, unmittelbar mit einem Projektmanager sprechen zu können, der für ein solch bedeutendes Raumfahrtprojekt wie die Entwicklung des Orion-Raumfahrzeugs verantwortlich ist. Mir ging es insbesondere darum zu erfahren, welche Planungen die NASA nach 2018 hat. Liest man hierzu nämlich im Internet, findet man nicht viel. Ein möglicher Flug zum Mars steht erst für die Zeit nach 2030 zur Diskussion und die Voraussetzungen für die „asteroid redirect mission“ liegen erst 2025 vor. Bei dieser Mission ist beabsichtigt, mittels einer unbemannten Sonde ein Teil eines Asteroiden in eine Mondumlaufbahn zu versetzen, um dieses dann dort durch Astronauten im Rahmen einer bemannten Orion-Mission untersuchen zu können. Dies wirft natürlich die Frage auf, was denn in der Zwischenzeit geschehen soll. Beabsichtigt man im Jahr 2018 einen ersten unbemannten Testflug in eine Mondumlaufbahn, erscheint es bei Erfolg kaum vorstellbar, Orion erst 7 Jahre später für den Transport von Menschen einzusetzen. Hier bekam ich zur Antwort, dass bemannte Missionen sicher auch schon früher stattfinden müssten, man aber eine konkrete Planung noch nicht hat. Hier ließe sich Verschiedenes vorstellen, so bemannte Flüge in eine Mondumlaufbahn oder auch eine erneute Mondlandung. Offen wurden hier auch die politischen Probleme genannt, die die Organisation der NASA nun einmal mit sich bringt: Die NASA ist abhängig von der Finanzierung durch den US-Bundeshaushalt und damit von politischen Entscheidungen der Mehrheit des US-Kongress und vor allem des Präsidenten. Jede Neuwahl eines anderen Präsidenten birgt die Gefahr, dass dieser andere Vorstellungen über ein Weltraumprogramm als sein Vorgänger hat und deswegen bereits begonnene Projekte wieder eingestellt werden. Langfristige Planungen sind aus diesem Grund nicht möglich, weswegen über bemannte Orion-Projekte auch noch keine konkreten Aussagen getroffen werden können. Weiteres Problem in dem Zusammenhang ist ohnehin die meiner Meinung nach schlechte Finanzierung der NASA: Während zu Zeiten des Apollo-Projektes und der ersten bemannten Mondlandung Ende der 1960er-Jahre die USA 3-4% ihres gesamten Bundeshaushaltes der NASA gegeben hat, sind es heute nur noch 0,5%. Dies macht auch klar, wie unsicher es letztlich leider noch ist, ob es wirklich gelingen wird, in den 2030ern Menschen zum Mars zu bringen. Letztlich ist das, wie Herr Price betonte, keine Frage der technischen Machbarkeit, sondern vor allem der politischen Bereitschaft, dies zu finanzieren. Herr Price erklärte mir hierzu noch, dass deswegen auch Öffentlichkeitsarbeit wichtig sei. Die Bevölkerung und die Medien müssten von der Raumfahrt begeistert werden, damit Politiker letztlich bereit sind, genügend Geld zur Verfügung zu stellen. In diesem Zusammenhang hofft er besonders auf weitere bedeutende wissenschaftliche Erkenntnisse im Zusammenhang mit den laufend stattfindenden unbemannten Marsmissionen. Vor kurzem gab es hier ja Berichte über neue Entdeckungen, die auf heute noch flüssiges Wasser mit Perchloratsalzen hin deuten. Letztlich ist es auch meine Hoffnung, dass Entdeckungen dieser Art – insbesondere vielleicht auch die zukünftige Entdeckung neuer Indizien dafür, dass es auch noch heute einfaches Leben auf dem Mars gibt – dazu führen, dass die Bedeutung des Mars als Reiseziel für den Forschergeist der Menschheit steigt und dies dazu führt, dass wir in den 2030ern dann wirklich einen bemannte Marsmission erleben können.

 

Vor der Mittagspause hielt dann Abdul Ahad Momand seinen Vortrag. Herr Momand stammt aus Afghanistan und ist im Jahr 1988 mehrere Tage auf der russischen Raumstation MIR gewesen. Da er Anfang der 1990er Jahre Afghanistan verlassen hat und schon längere Zeit in Deutschland wohnt, konnte er seinen Vortrag auf Deutsch halten. Er berichtete über die Astronautenauswahl und seinen Tagesablauf auf der MIR. Am Ende wurde er von einem Teilnehmer gefragt, ob er als Moslem bei seinem Aufenthalt auf der MIR eigentlich auch gebetet hätte. Er entgegnete hier, er sei zwar gläubig, aber doch in erster Linie zum Arbeiten auf die Raumstation geflogen und bei einer Umlaufzeit der MIR um die Erde und damit einer Tageslänge von 90 Minuten sei es nicht möglich, 5x am Tag zu beten und gleichzeitig noch seine Arbeit machen zu können. J

 

Nach der Mittagspause stand dann zunächst das Astronauten/Kosmonauten-Fotoshooting an. Es ist auf den Tagen der Raumfahrt Tradition, dass jedes Jahr ein bekannter Astronaut / Kosmonaut eingeladen wird, mit dem zusammen sich dann jeder Tagungsteilnehmer fotografieren lassen darf. In diesem Jahr war Abdul Ahad Momand dieser Kosmonaut. Wegen der vielen Teilnehmer dauerte dieses Fotoshooting etwa eine halbe Stunde. Dabei konnte man sich mit ihm allein fotografieren lassen oder auch, wenn man wollte, in einer Gruppe mit anderen Teilnehmern.

 

Nach Ende des Fotoshootings ging es dann mit dem Nachmittagsprogramm weiter. Hier referierte Professor André Aubert aus Belgien zu den Auswirkungen eines Weltraumaufenthaltes auf die Physiologie des Menschen – ein Thema, das gerade bei einer langen Missionsdauer wie bei einer Marsmission sicher nicht vernachlässigt werden darf. Die Untersuchungen, über die Professor Aubert berichtete, betrafen wiederum Astronauten / Kosmonauten auf der ISS sowie auch die chinesischen Taikonauten. Die gefundenen Ergebnisse geben Anlass zu Optimismus. Änderungen bei der Herzfrequenz (Steigerung) und beim Blutdruck treten in den ersten Tagen des Weltraumaufenthaltes auf, normalisieren sich dann aber wieder, weil der Körper sich an die neue Umgebung zu gewöhnen scheint. Zudem stellt die passgenaue Form der Raumanzüge sicher, dass genügend Blut nach unten in die Beinvenen zurück gedrückt wird, um zu verhindern, dass durch die fehlende Schwerkraft zu wenig Blut in den Beinen versackt und es dadurch im Herz zu einem Blutvolumen kommt, das dieses von seiner Schlagkraft her nicht längerfristig verkraften kann. (Bei einem Menschen auf der Erde befinden sich 80-90% des Blutvolumens in den großen Venen in den Beinen, deswegen soll man bei einem drohenden Schock ja auch die Beine hoch lagern, damit diese Blutreserve vermehrt zum Herzen gelangt und den Körper versorgen kann.) Gleiches gilt für die Zeit nach Rückkehr zur Erde: Auch hier kommt es innerhalb weniger Tage zu einer Normalisierung von Herzfrequenz und Blutdruck. Zudem treten diese Abweichungen in den ersten Tagen der Rückkehr auch nicht bei jedem auf, der im Weltraum war, so waren hierbei insbesondere die durchschnittlichen Werte der chinesischen Taikonauten besser als die der europäischen Astronauten, die Gründe hierfür sind noch unklar.

 

Im Anschluss gab es dann noch die Möglichkeit, im Rahmen einer Abschlussdiskussion nochmals an alle Referenten Fragen zu stellen. Danach war die Samstagsveranstaltung beendet und es gab noch die Möglichkeit zum gemeinsamen Abendessen.

 

Sonntags ging es dann noch einen halben Tag lang weiter, jetzt allerdings nicht im Albert-Einstein-Gymnasium, sondern in einem Tagungsraum des Radisson-Blu-Hotels in Neubrandenburg. Zuerst berichtete Dr. Jakowski vom DLR-Neustrelitz über das Weltraumwetter. Leider konnte ich an diesem Vortrag weitestgehend nicht teilnehmen, weil ich zu Beginn gemerkte hatte, dass der Zug, in dem ich meine Rückfahrt gebucht hatte, nunmehr doch nicht fuhr und ich daher zum Bahnhof gehen musste wegen Freischreibung meines Tickets auf andere Verbindungen. Im Anschluss folgte dann ein sehr interessanter und gut bebildeter Vortrag von Ulrich Köhler vom DLR-Institut zur Planetenforschung in Berlin zum Thema Komet „Tschuri“ / Rosetta-Mission und vor allem zur Horizon-Expedition zu Pluto und Charon. Gezeigt wurden hier aktuelle Bilder von Pluto und Charon sowie auch eine interessante Video-Animation zum System des Pluto und seiner Monde. An neuen Erkenntnissen berichtete Herr Köhler insbesondere darüber, dass man nunmehr auch auf Pluto von einem blauen Himmel bei Sonnenauf- und untergang wegen Dunst in der Atmosphäre ausgeht, was man wegen dem geringen Gasdruck zunächst nicht angenommen hatte. Bemerkenswert ist weiter, dass eine ganze Reihe hoher Berge (3-4 km hoch) vorhanden sind, was man bei einer solch dünnen Atmosphäre eigentlich nicht erwarten würde. Hier gibt es die Theorie, dass die Plutoatmosphäre früher einmal dichter war. Auch der Mond Charon präsentiert sich weit farbenfroher als erwartet: Während man eine monochrome Oberfläche ohne Farbvariationen erwartet hatte, stellt der Mond auf den Horizon-Bildern tatsächlich eine bunte und vielseitige geologische Welt dar.

 

Abschließend folgte dann ein Vortrag von zwei Studenten der TU Berlin, Cem Avsar und Lennart Kryza, zur Entwicklung von Rovern in studentischen Teams, die vom Prinzip her auch auf dem Mars eingesetzt werden können.

 

Damit war dann die Veranstaltung beendet und nach einem gemeinsamen Mittagessen in einem chinesischen Restaurant fuhr ich dann nach Hause. Während ich das Space 3000 Forum am Freitagnachmittag nicht so interessant fand, kann ich die eigentlichen Raumfahrttage am Wochenende sehr empfehlen wegen der vielen unterschiedlichen interessanten Vorträge und der Möglichkeit, in den Pausen auch mal mit interessanten Menschen aus der Raumfahrtszene sprechen zu können, was sonst kaum wo möglich ist. Die Teilnehmer sind überwiegend älter, viele Rentner, aber das macht überhaupt nichts. Ich bin auch bei Frühstück und Abendessen freundlich aufgenommen worden und fühlte mich nicht allein. So saß mit mir am Tisch ein Ingenieur, der 1927 geboren war und erst den Zweiten Weltkrieg und die russische Gefangenschaft, dann die DDR und zuletzt das vereinigte Deutschland erlebt hatte, sodass er einiges Interessantes zu erzählen hatte. Was die Kosten angeht, so kostet allein die Wochenendveranstaltung 15 Euro normal und für Schüler gar nichts. Teurer sind da die Zusatzveranstaltungen und vor allem die Übernachtung: So kostet das Fotoshooting mit dem Astronauten 15 Euro und das Abendbuffet im Hotel (All-you-can-eat) 20 Euro zuzüglich Getränke. Hieran muss man aber natürlich nicht teilnehmen. Die Übernachtung im Hotel kostet 55 Euro / Nacht. Das ist schon ein Sonderpreis für die Teilnehmer der Tage der Raumfahrt. Auch hier kann man sich natürlich auch privat eine günstigere Übernachtungsmöglichkeit suchen. Auch im nächsten Jahr wird die Veranstaltung im Herbst wieder in Neubrandenburg stattfinden und es wird auch wieder ein Astronaut / Kosmonaut anwesend sein. Das Hotel wird man dabei allerdings wechseln müssen, weil das Radisson Blu noch in diesem Jahr abgerissen wird, obwohl es eigentlich ein schön modernisiertes Hotel war, das nicht irgendwie altmodisch oder gar heruntergekommen wirkte. Verkehrsmäßig ist Neubrandenburg gut angebunden. Es gibt stündlich eine Verbindung mit dem Regionalexpress nach Berlin Hauptbahnhof (in manchen Stunden direkt, in anderen mit Umsteigen in Neustrelitz), die Fahrt nach Berlin dauert etwa 90 Minuten.

 

Ihr könnt euch ja auch mal überlegen, ob ihr in Zukunft mal bei den Tagen der Raumfahrt dabei sein wollt. Ich finde es immer mal interessant, woanders hin zu reisen und neue Leute zu treffen. Es ist natürlich nicht ganz billig – es sei denn, man kommt aus der Gegend und kann sich daher lange Anreise und Übernachtung ganz sparen.